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Sigurd
Hebenstreit
Kindzentrierte
Kindergartenarbeit
Vortrag
am 26. 11. 1997 in Stadthagen
Was
ich Ihnen heute Vormittag vortragen
möchte, zerfällt in zwei deutlich voneinander
getrennte Teile: Zunächst versuche ich
Ihnen für ca. eine halbe Stunde einige
grundlegende Gedanken zu der von mir
vertretenen Position „Kindzentrierte
Kindergartenarbeit“ mitzuteilen. Dies
ist manchmal keine recht leichte Kost
für die frühe Morgenstunde. Deshalb
präsentiere ich Ihnen danach eine leichte
Geschichte, die ich unter die Überschrift
„Vorsicht: Satire“ gestellt habe. Diejenigen
von Ihnen, die keinen Bedarf an einer
unsinnigen Erzählung haben, können dann
für eine halbe Stunde ihren eigenen
Gedanken nachgehen. Heute Mittag erfolgt
dann meinerseits noch eine dritte Halbzeit,
die den mehr praktischen Problemen des
Kindergartens gewidmet ist. Falls Sie
also primär daran Interesse haben zu
diskutieren, wie der Kindergartenraum
gestaltet sein soll, welche Kriterien
für die Auswahl des Spielmaterials gelten,
wie die zeitliche Strukturierung des
Tagesablaufes aussehen könnte, was die
Hauptaufgaben der Erzieherinnentätigkeit
sind, dann muss ich Sie für den Vormittag
über um eine lange Geduldspause bitten.
Ich beginne also mit der Darstellung
einiger theoretischer Elemente der kindzentrierten
Kindergartenkonzeption.
I.
Einige Grundgedanken: „Konzeption“ und
„Kindzentriert“
1.
Nach Konzeptionen lässt sich nicht arbeiten
Ich
stelle Sie mir vor, meine liebe Zuhörerin,
als jemand, die durch Fortbildungen,
das Lesen von Fachbüchern und -zeitschriften,
durch die eigene Ausbildung mit einer
Vielzahl neuer Konzepte vertraut ist.
Vielleicht haben Sie sich persönlich,
vielleicht haben Sie sich auch gemeinsam
mit Ihren Kolleginnen für ein bestimmtes
Konzept entschieden und arbeiten jetzt
nach dem Konzept X. oder Y. von Herrn
oder Frau A. oder B. Vielleicht gehören
Sie auch zu den pragmatischen Kolleginnen,
die sich aus jedem Konzept die Rosinen
herauspicken und anderes, was Sie nicht
richtig finden, beiseite lassen.
Ich
bin heute zu Ihnen eingeladen, damit
wir uns über mein Konzept kindzentrierter
Kindergartenarbeit unterhalten können,
und ich möchte auch für dieses Konzept
werben. Doch ich muss Ihnen einleitend
gestehen, dass man nach dem Konzept
kindzentrierter Kindergartenarbeit nicht
arbeiten kann. Ein Konditor mag seine
Torte nach einem Rezept aus dem Buch
erstellen, ein Sänger singt die Noten,
die von Franz Schubert vor mehr als
150 Jahren aufgeschrieben wurden. Aber
eine Erzieherin kann nicht nach einem
Konzept arbeiten, wie der Sänger vom
Blatt absingen kann. Erziehung ist ein
einmaliger Akt zwischen einer lebendigen
Erzieherin und einem einmaligen Kind.
An dieser Interaktion lässt sich nichts
normieren: Die Lebendigkeit der Erzieherin,
die Einmaligkeit des Kindes oder sogar
beide würden dabei unter die Räder kommen.
Hinzu kommt, dass nicht nur Sie als
Erzieherin sich im Verlaufe Ihrer Berufsjahre
entwickeln und dass die Kinder sich
in der Zeit verändern, auch die pädagogischen
Konzepte unterliegen einer ununterbrochenen
Wandlung. Den Satz, den ich zu einem
bestimmten Zeitpunkt geschrieben habe,
würde ich in der kommenden Woche, im
nächsten Jahr anders formulieren. Ich
bitte Sie: wenn Sie sich und den Kindern
das Recht der Veränderung zubilligen,
und das hoffe ich doch, versagen Sie
dieses Recht auf Wandlung nicht den
Autorinnen und Autoren pädagogischer
Kindergartenkonzepte.
Hinzu
kommt eine weiteres: Sie erwarten sehr
zurecht von einer Kindergartenkonzeption,
dass sie Antworten auf die Fragen der
Raum- und Zeitgestaltung, der Materialauswahl
und vieles mehr gibt. Ich möchte Ihnen
heute Nachmittag gerne meine Sicht der
diesbezüglichen Probleme zeigen, weil
Ihr Anspruch, dass etwas Konkretes bei
dem Tag heute herumkommen soll, berechtigt
ist. Allerdings stelle ich auch oft
fest, dass mit vielen Antworten auf
derartige Fragen sich ein Kindergartenteam
festbeißen und bis zur Handlungsunfähigkeit
lähmen kann. Erzieherin A tritt für
eine traditionelle Raumgestaltung ein,
Erzieherin B für Funktionsräume, Erzieherin
C für ein festes Gruppenprinzip und
Erzieherin D für den wöchentlichen Wechsel
der Kinder je nach gewähltem Schwerpunkt.
M.E. verrennt man sich dann schnell
in Glaubenskämpfe, und stilisiert drittrangige
Fragen zu prinzipiellen Entscheidungen.
Je orthodoxer man dabei wird, je verbissener
man an dem festhält, was man selbst
zu einem bestimmten Zeitpunkt für richtig
hält, oder was man von Prof. Dr. gehört
oder gelesen hat, desto mehr verliert
man die Distanz, bekämpft die Kolleginnen
des eigenen oder die eines anderen Kindergartens
als „rückständig“. Mein erster praktischer
Hinweis ist also dieser: Man halte die
pragmatischen Fragen in dem Bereich,
in den sie hineingehören. Glaubensfragen;
werden anderswo entschieden. Billigen
Sie Ihrer Kollegin das Recht zu, traditionell
zu arbeiten, und halten Sie sich selbst
das Recht offen, nach einer Experimentierphase
mit „offener“ Arbeit wieder zu einer
stärkeren Betonung des Gruppenprinzips
zurückzukehren, oder nach einer Zeit,
in der sie auf den Situationsansatz
geschworen haben, wieder zu traditionellen
Rahmenthemen mit Nikolausgeschichte,
Plätzchenbacken und Adventschmuckbasteln
zurückzukehren. Die gleichen Bewegungen
sollten Sie auch umgekehrt vollziehen
können und Ihren Kolleginnen auch das
Recht darauf eingestehen.
2.
Die Aufgabe von Konzepten ist „der fremde
Blick“
Jetzt
mögen Sie mit Recht fragen: „Wenn das
alles so beliebig ist, warum sollen
wir uns dann überhaupt mit Konzeptionsfragen
beschäftigen?“ Ich habe auf diese Frage
eine Antwort, die Ihnen vielleicht paradox
vorkommt: Konzeptionen sind nicht Anleitungen
zu „richtiger“ Arbeit in der Praxis,
sondern sie sind in erster Linie ein
notwendiges Mittel, um Distanz zu schaffen.
Wenn Sie morgen früh wieder in Ihre
Einrichtungen kommen, stürmt ein Wust
unaufhörlicher Aufgaben auf Sie zu:
Die Mutter, die ihr Kind bringt, will
etwas wissen, die weinende Katja muss
getröstet werden, der Frühstückstisch
ist vorzubereiten, der wilde Frank zur
Mäßigung anzuhalten, die Kollegin will
erfahren, wie es denn gestern auf der
Fortbildung war. Das geht so weiter
bis Sie um 16.30 Uhr Ihre Einrichtung
verlassen und mit dem Auto nach Hause
fahren. Alles das, was Sie morgen in
den acht Stunden Arbeitszeit machen,
läuft ab wie ein Programm, für das es
keinen Stückeschreiber und keinen Regisseur
zu geben scheint, und es erfordert Ihre
wache Aufmerksamkeit, in dem Bruchteil
einer Sekunde zu entscheiden, was sie
sagen oder nicht sagen, ob sie aufstehen
oder sitzen bleiben, ob sie eingreifen
oder sich zurückhalten.
Kein
Schreiber einer Kindergartenkonzeption
kann Ihnen sagen, was Sie morgen zu
sagen oder zu schweigen, zu tun oder
zu lassen haben. Ich kenne Sie nicht,
Ihre Kinder und Ihre Einrichtung nicht;
ich müsste ein Aufschneider sein, wenn
ich behaupten würde, Ihnen hierzu etwas
sagen zu können. Konzeptarbeit ist so
etwas, wie es beispielsweise am heutigen
Tag stattfindet: Sie sitzen nicht auf
den kleinen Kindergartenstühlen, Sie
sind nicht der Geräuschkulisse des Vormittagsgeschehens
ausgeliefert, Sie müssen jetzt ersteinmal
zu niemandem etwas sagen, ja niemand
kann Ihnen befehlen, jetzt zuzuhören.
Mit anderen Worten: Sie haben Distanz
zu dem alltäglichen Geschehen, und diese
Distanz kann Ihnen helfen, pädagogische
Fragen anders zu stellen als sonst,
mit der Antwort sich noch Zeit zu lassen,
nicht genau zu wissen, ob das Argument
A besser ist als das Argument B. Diese
Distanz sollten Sie nutzen. Eine Kindergartenkonzeption
kann Ihnen helfen, die tägliche Welt
Ihres Kindergartens anders zu sehen.
Mit diesem „fremden Blick“ auf das,
was Sie wie Ihre Westentasche kennen,
weil Sie es tagtäglich erleben, kommen
Sie vielleicht zu anderen Antworten
als Sie es bisher gewohnt waren.
Machen
wir einen kleinen Versuch: Bitte stellen
Sie sich in Ihrem Kopf den größten Rabauken
Ihrer Gruppe vor, nicht den niedlichen
Rabauken, sondern das Kind, das Sie
persönlich am meisten nervt - und seien
Sie ehrlich zu sich selbst, es gibt
solche Kinder. Stellen Sie sich dieses
Kind vor, sehen Sie in sein Gesicht,
beobachten Sie, wie es durch den Raum
chaotet, wie es andere Kinder ärgert.
Denken
Sie bitte weiter an dieses Kind, aber
denken Sie jetzt einen zweiten Gedanken
hinzu: Ich möchte, dass dieses Kind
dasjenige wird, was Ihnen am meisten
ans Herz wächst. Seine schräpige Stimme,
seine vor Rotz triefende Nase - sie
stören Sie jetzt nicht. Sie können dieses
Kind in den Arm nehmen - nicht als Sozialfall
in den Arm nehmen - sondern es ehrlich
auf den Schoß setzen, ihm seine Haare
streicheln, es so kitzeln, dass sie
beide gemeinsam laut lachen.
Ob
dieser kleine Versuch geklappt hat,
können Sie jetzt noch nicht beurteilen,
sondern erst Morgen früh, wenn Sie das
erste Mal wieder leibhaftig auf diesen
Wildfang treffen, an den Sie gerade
gedacht haben. Vielleicht erinnern Sie
sich morgen Nachmittag, wenn sie mit
dem Auto nach Hause fahren, an diese
kleine Szene.
Zum
Thema „Konzeption“ habe ich Ihnen bisher
gesagt, dass sie keine Anleitung zum
„Arbeiten nach ...“ ist, sondern dass
sie die Aufgabe hat, Distanz zu schaffen,
damit Sie selbst mit fremden Blick das
betrachten können, was Sie tagtäglich
umgibt. Den Rest der ersten Halbzeit
meiner vormittäglichen Zeit möchte ich
nutzen, um Ihnen einige grundsätzliche
Anmerkungen zu der Kennzeichnung der
von mit vertretenen Position als „kindzentrierte
Kindergartenarbeit“ zu geben. Wie gesagt:
Für die mehr praktischen Schlussfolgerungen
ist der Nachmittag vorgesehen.
3.
„Kindzentriert“ nicht „situationsorientiert“
oder „offen“
Als
ich an der Arbeit meines Kindergartenbuches
saß, war ich gezwungen, über dessen
Titel nachzudenken. Er sollte prägnant
das zum Ausdruck bringen, was ich in
meiner Kindergartenkonzeption hervorheben
wollte. Ich stand also vor der Aufgabe,
ein Adjektiv zu finden, das meine Position
schlagwortartig beschrieb. Gängig waren
damals Worte wie „situationsorientiert“
und „offen“ - inhaltliche Konzepte mit
denen mich manches verbindet, anders
aber unterscheidet. „Situationen“ von
Kindern gibt es unzählig viele und auf
ihrer willkürlichen Auswahl lässt sich
kein Konzept aufbauen, das über den
Einzelfall hinaus etwas allgemeingültiges
aussagen soll. Das Wörtchen „offen“
erscheint mir viel zu unspezifisch -
„offen“ sein kann man für alles, was
die Kinder, die Eltern, den Träger,
was einen selbst angeht, aber eine Konzeption
soll nicht nur offen sein, sondern auch
bestimmen, an welchen Stellen man nicht
offen ist, sie soll angeben, was einem
wichtig ist und warum und was einem
nicht wichtig ist und warum nicht. Die
Konzeption wird sonst zu einem Selbstbedienungsladen,
aus dem sich jeder das holt, was er
gerade braucht. Eine Konzeption beschneidet
ihrem Wesen nach gerade die Offenheit,
weil sie das Bedeutsame von dem weniger
Bedeutsamen scheidet.
Im
Mittelpunkt meiner pädagogischen Überlegungen
um den Kindergarten steht der Gedanke:
Alles Geschehen in ihm - auch die Elternarbeit,
die Auseinandersetzungen in der Mitarbeiterschaft
usw. - ist zentriert auf das einzelne
Kind. Der Kindergarten ist ein Dienstleistungsunternehmen,
dessen Abnehmer das einzelne Kind ist,
und so wie in einem Warenhaus der Kunde
König ist, so ist das Kind der Punkt,
um den in pädagogischer Hinsicht der
ganze Kindergarten sich dreht. Die Befriedigung
der Bedürfnisse, die das einzelne Kind
im Verlaufe seiner Zeit im Kindergarten
hat, hat oberste Priorität, an ihr muss
sich alles, was im einzelnen in der
Einrichtung geschieht, ausrichten.
Der
Satz von der Befriedigung der Bedürfnisse
des einzelnen Kindes könnte das Missverständnis
eines mit Coca-Cola und Chips abgefüllten,
vor dem Fernsehschirm ruhiggestellten
Kindes hervorrufen. Also muss er durch
einen zweiten Satz ergänzt werden: die
pädagogisch relevanten Bedürfnisse des
Kindes sind intensiver zu diskutieren
als sein „Recht auf Erziehung“. Jedes
Kind verlangt nach einer Erweiterung
seiner Perspektive, es ist in der Entwicklung,
und es will sich entwickeln. Auf diese
erzieherisch ausgerichteten Entwicklungsbedürfnisse
des Kindes hin ist die Pädagogik des
Kindergartens zentriert. Was ich Ihnen
also den grundsätzlichen Teil abschließend
zu sagen habe, besteht aus meiner Sichtweise
des Kindes und aus meiner Sichtweise
von Erziehung.
4.
Ich kann ein Kind nicht verstehen
Was
Kinder sind, dass weiß doch jedes Kind
- zumindest jeder Professor der Pädagogik,
schließlich hat er duzende dicker Bücher
über die Anthropologie und Entwicklungspsychologie
des Menschen gelesen und neulich noch
selbst eine Abhandlung darüber geschrieben.
Und, was ein Kind ist, weiß auch jede
berufserfahrene Erzieherin, hat sie
doch jetzt seit mehreren Jahren tagtägliche
Erfahrungen mit Kindern und in der Zwischenzeit
eine breite Palette unterschiedlicher
Charaktere erlebt. Demgegenüber behaupte
ich: Viel theoretisches Studieren und
viele praktischen Erfahrungen mögen
das Wissen um Kinder erhöhen, nur was
ein Kind ist, das weiß ich nicht. Das
mag wie Wortklauberei aussehen, aber
für mich ist das ein wichtiger Punkt.
In meiner Kindergartenkonzeption gehe
ich von der These aus: Ich kann ein
Kind nicht verstehen. Ich kann es mit
Zentimetermaß und Wage vermessen, ich
kann mit Röntgenapparat und Ultraschall
sein Inneres verbildlichen, ich kann
es einem ganzen Stab psychologischer
Testbatterien aussetzen, nur verstehen
werde ich es dadurch nicht.
Bevor
ich Ihnen sage, welche Schlussfolgerungen
ich aus dieser These ziehe, möchte ich
Ihnen wenigstens in Kürze einige der
Gründe, die m.E. für sie sprechen, nennen.
Zunächst denken Sie bitte nur an sich
selbst. Sie glauben sich selbst zu verstehen,
schließlich stecken Sie ja schon zwanzig,
dreißig, vierzig oder mehr Jahre in
Ihrer Haut. Doch dann tun oder sagen
Sie plötzlich etwas, was Sie selbst
überrascht. Wollen Sie für sich selbst
eine Garantie für Morgen, Übermorgen,
für das nächste Jahr, für die Zeit Ihrer
Rente geben? Solange Sie gelebt haben
und solange Sie leben werden, sind Sie
in einem ständigen Wandlungsprozess,
und immer erst im nachhinein lässt sich
sagen: „Ja klar, das musste so bei mir
kommen!“ Sie können Ihr Leben betrachten
als einen Prozess des zunehmenden Verstehens
über Sie selbst, und Sie werden merken,
dass Sie mit Ihrem Verstehen dem Leben
immer nur hinterherkommen, so bald Sie
glauben, etwas verstanden zu haben,
ist Ihr Leben schon weiter. Wenn Sie
also sich selbst nicht im vollen Sinne
verstehen können, wie wollen Sie da
einen anderen verstehen?
Bei
Kindern kommt hinzu, dass sie sich in
einer Lebensphase befinden, die sich
gerade durch ihre Wandelbarkeit auszeichnet.
Noch mehr als wir schon etwas verknöcherten
Erwachsenen sind sie Menschen in der
Entwicklung, und alles, was in der Entwicklung,
im Werden ist, lässt sich nicht einfangen,
wie engmaschig man das Netz auch webt.
Ich
habe mir seit einiger Zeit einen Lieblingssatz
angewöhnt: „Man guckt nicht in den Kopf
des Kindes hinein.“ Die Haut ist die
äußere Grenze, die ich von einem Menschen
wahrnehmen kann, was der Kopf im Innern
denkt und was das Herz fühlt, ich kann
es nicht sehen. Von einem grimmigen
Gesicht auf Ärger, von einer schlagenden
Hand auf Aggressivität zu schließen,
mag plausibel sein, aber ob es für denjenigen,
der grimmig schaut und wild um sich
schlägt auch stimmt, das weiß ich nicht.
Und dieses „das weiß ich nicht“ ist
mir bei Kindern besonders wichtig. Überall,
wo wir mit scheinbar psychologischen
Theorien glauben, ein Kind zu verstehen,
sollten wir lieber öfter sagen: „das
weiß ich nicht“. Alle Vermutungen, die
wir darüber äußern, was jenseits der
Schädeldecke eines Kindes abläuft, sind
Vermutungen, die in unserem Kopf sind
und nicht in dem Kopf des Kindes.
Ein
weiteres spricht für mich für die Anerkenntnis
der These, dass wir ein Kind nicht verstehen
können. Maria Montessori hat es in einem
Buchtitel mit den schlichten Worten
„Kinder sind anders“ ausgedrückt. Kinder
sind keine kleinen Erwachsenen, sie
denken, fühlen und handeln ganz anders
als wir, und sie müssen deshalb auch
ganz anders bedacht, befühlt und behandelt
werden als wir. Mit Hilfe der Entwicklungspsychologien
Piagets und der Psychoanalyse ließe
sich hierzu einiges sagen, doch dazu
ist die Zeit heute nicht. Vielmehr möchte
ich jetzt nur feststellen: Weil Kinder
anders sind - anders als wir Erwachsenen
und anders als wir Erwachsenen sie meinen
zu verstehen - sollten wir uns große
Zurückhaltung auferlegen. Denn das scheint
mir eine große Gefahr im Erziehungsgeschäft
zu sein: Wir unterliegen zu oft dem
Erwachsenenzentrismus. Wir stellen uns
das Kind zu oft so vor, wie wir selbst
sind (oder sein möchten), wir denken
uns zu oft, dass es so dächte wie wir,
wir fühlen zu oft, dass es so fühlte
wie wir. Übrigens möchte ich an dieser
Stelle nur anmerken, dass das Argument,
dass wir, als wir Kinder waren, auch
dies oder jenes gemacht, gedacht, gefühlt
haben, nicht weiterhilft. Wir haben
zu viel vergessen von unserer Kindheit,
wir denken und fühlen nicht mehr, wie
wir als Kinder gedacht und gefühlt haben
- die Zeit ist vorüber, auch wenn einige vielleicht „leider“ sagen.
Und: warum sollte ein Mädchen mit Barbie-Puppen
spielen, weil auch wir mit Barbie-Puppen
gespielt haben, bzw. weil wir gerade
nicht mit Barbie-Puppen spielen konnten
oder durften.
Ich
habe meine Konzeption „kindzentrierte
Kindergartenarbeit“ und nicht „Kinder“zentrierte
Kindergartenarbeit genannt, weil es
mir wichtig ist zu betonen, dass nicht
Kinder im Plural im Mittelpunkt der
Kindergartenarbeit stehen, sondern das
einzelne Kind. Mir geht es um die Respektierung
und Förderung der Individualität jedes
einzelnen Kindes. Auf den jetzt angesprochenen
Punkt des Verstehens bzw. besser Nicht-Verstehens
von Kindern bezogen bedeutet dies: das
Kind ist nicht ein Fall der allgemeinen
Kategorie Kinder, Hans kein Beispiel
des verhaltensauffälligen Jungen. Dies
möchte ich gerne noch durch ein Beispiel
illustrieren. Für ein Jahr hatte ich
es in einem Kindergarten einmal mit
Andrea zu tun, einem blinden und geistig
behinderten Mädchen. Da ich mit behinderten
Kindern gänzlich unerfahren war, erhoffte
ich mir Hilfe von einem Sozialpädagogen,
der landesweit speziell für die Frühförderung
der Gruppe blinder, mehrfachbehinderter
Kinder angestellt war. Ich bin diesem
Sozialpädagogen heute noch für seine
Hilfen dankbar. Das wichtigste, was
er mir vermittelt hat, war die Einsicht,
dass es für blinde, geistig behinderte
Kindergartenkinder kein allgemein verbindliches
Programm der Förderung gäbe, weil jedes
Kind dieser Gruppe zu unterschiedlich
sei, als dass man etwas Allgemeingültiges
aufstellen könnte. Ich bitte Sie zu
beachten: die Gruppe der blinden, geistig
behinderten Kinder ist nicht sehr zahlreich,
und dann noch die gehörlosen, die einbeinigen
und einarmigen, die verhaltensauffälligen,
die Alkoholikerkinder und die ganz normalen.
Jedes Kind ist eine einmalige Individualität,
die sich in einem rasanten Entwicklungstempo
befindet. Wir können das einzelne Kind
nicht in einem allgemeinen Verständnis
von Kindern einfangen. So zutreffend
die für den Plural getroffenen Aussagen
auch sein mögen, Sie als Erzieherin
haben es mit dem Kind im Singular zu
tun.
5.
Pädagogische Grundsätze
Meine
These über das Nicht-Verstehen-Können
des Kindes hat wichtige Konsequenzen
für das pädagogische Verhalten im Kindergarten.
Ich möchte Ihnen heute vier Punkte dazu
sagen. Den ersten kleide ich bewusst
in ein altmodisch klingendes Wort: Entwickeln
Sie eine „demütige“ Haltung zu dem Kind. Mit diesem Wort verbinde ich Passivität,
Achtung und Glauben. Ich hebe in meiner
Kindergartenkonzeption stark die Bedeutung
der Erziehung hervor. Einer der wichtigsten
und auch schwierigsten Punkte in diesem
Geschäft scheint mir der zu sein, die
erzieherische Aktivität vor allem darauf
zu lenken, passiv sein zu können. Das
Ziel der pädagogischen Aufgabe ist es,
dass das Kind sich zu einem gesunden
Menschen entwickelt, und diese Entwicklungsaufgabe
kann es nur selbst leisten. Ich mag
und soll Hilfen dazu geben, aber ich
muß mir ständig wieder neu bewusst machen,
dass ich es nicht bin, der ein Kind
entwickelt. Dies bringt mich zu der
Achtung vor den Selbstentwicklungskräften
des Kindes. Es ist ein Wunder, dass
sich aus dem Nichts einer befruchteten
Eizelle nach neun Monaten der lebensfähige
Mensch herausbildet, es ist ein Wunder,
dass sich aus dem schlafenden, zappelnden,
saugenden Neugeborenen ein Einjähriger
entwickelt, der sich selbst fortbewegen,
der auf die menschliche Stimme reagieren
und selbst die ersten Wörter plappern
kann. Die Entwicklungsgeschwindigkeit
verlangsamt sich, doch es ist immer
noch wie ein Wunder zu betrachten, welch
selbstbewusste Persönlichkeiten aus
der dreijährigen Kindergartenzeit hervorgehen.
Dies alles möchte ich mit dem Wort von
der „demütigen Haltung“ zum Ausdruck
bringen und ebenso den Glauben, dass
die Selbstentwicklungstendenzen der
Kinder ihren richtigen Weg gehen, wenn
die Erwachsenen sie nicht in eine falsche
Richtung lenken. Jeder von uns kennt
dies von seiner eigenen Entwicklung:
Es gibt Phasen der Schieflagen, der
scheinbaren Retardierung, des Stillstandes
und sogar der Fehlentwicklung. All dies
ist selbstverständlich, denn starre
Gradlinigkeit gehört nicht zum Wesen
der Entwicklung in der Natur. Ich hoffe
weiterhin, dass viele von Ihnen für
sich erfahren haben, dass es in Zeiten,
in denen die eigene Entwicklung in eine
Sackgasse zu laufen schien, es einen
bedeutungsvollen Erwachsenen gab, der
auch dann noch an Ihre Entwicklungsmöglichkeiten
glaubte, als Sie vielleicht schon an
sich selbst zweifelten.
Die
zweite Schlussfolgerung, die ich aus
dem Satz von dem Nicht-Verstehen-Können
der Kinder ziehe, ist die der Respektierung. Ein Kind ist so, wie es ist - nicht besser oder schlechter,
nicht klüger oder dümmer, nicht sozial
verträglicher oder aggressiver. Wühlen
Sie einerseits nicht in der Geschichte
des Kindes her, um durch das scheinbare
Auffinden von Gründen klug klingende
Erklärungen für sein Verhalten aufzufinden.
Machen Sie sich andererseits aber auch
nicht zu viele Sorgen um die Zukunft
des Kindes, indem Sie Prognosen für
dessen Schul- oder sogar Lebenserfolg
aufzustellen versuchen. Respektieren
Sie ein Kind so, wie es ist - laut und
leise, schön und hässlich, wild und
sanft, klug und dumm, fröhlich und brummelig
oder all dies zusammen. Dies mag wieder
wie eine schlichte Passivität klingen,
doch bitte glauben Sie mir: Ich weiß,
dass es eine große erzieherische Aktivität
an sich selbst bedeutet, um als Erwachsener
eine Haltung zu gewinnen, die das Kind
so lassen kann, wie es ist. Ich kenne
nervige, dumme, chaotische, gewalttätige
Kinder, die eine große pädagogische
Herausforderung darstellen. Deshalb
weiß ich, dass ein Respektieren des
Kindes „so wie es jetzt ist“ keine passive
Haltung ist, keine Gleichgültigkeit,
sondern ein aktives pädagogisches Arbeiten
an der eigenen Person.
Neben
dieser zweiten Schlussfolgerung steht
für mich eine dritte:
offen zu sein für die Wandlungen des
Kindes. Es sind sehr kleine Kinder,
mit denen Sie es zu tun haben. Ihre
Persönlichkeitsentwicklung hat sich
noch nicht so feste herausgebildet,
dass sie nicht auch ganz anders werden
könnte. Auch diese erzieherische Forderung,
offen zu sein für die Wandlungen der
Kinder, stellt eine eminente Herausforderung
dar. In unserem Alltagsverhalten sind
wir auf Stabilität ausgerichtet, wir
müssen nicht jeden Tag das Rad neu erfinden,
können uns auf uns selbst und andere
verlassen. Dies hat Vorteile. Stellen
Sie sich vor, Ihr Pfarrer, immer korrekt
gekleidet, käme plötzlich im Lumpensack
daher, oder ihre Kollegin, die immer
strahlend den Kindergarten betritt,
würde Sie morgen fauchend erwarten.
Wir haben uns so eingerichtet, dass
unsere Erwartungen an die anderen stabil
sind
und dass wir von ihnen gleichbleibend
erlebt werden. Korrekturen sind selbstverständlich,
aber bitte nur in kleinen Portionen
oder extremen Situationen. Es ist schwer,
von dieser selbstverständlichen und
für unser alltägliches Handeln wichtigen
Haltung wegzukommen und sich nicht auf
das Gleichbleibende, sondern das Wandelbare
einzustellen. Aber doch ist diese Forderung
pädagogisch notwendig, weil die Kinder
sich in einem rasanten Entwicklungstempo
befinden und in einer Entwicklungsphase,
in der es notwendig ist, verschiedene
Möglichkeiten der Selbstwerdung auszuprobieren.
Zu dieser pädagogischen Haltung, die
nicht auf das Gleichbleibende und Bestätigende
der Entwicklung gerichtet ist, sondern
die auf das sich sprunghaft oder langsam
hervorkommende Neue einstellt, kommt
noch hinzu, daß es für viele Kinder
geradezu angezeigt ist, sie auf die
anderen Möglichkeiten des Selbst- und
Fremdbildes zu stoßen. Statt weiterer
Erläuterungen ein praktischer Hinweis:
Kaufen Sie noch heute Nachmittag eine
kostbare Tasse Meißener Porzellans und
geben Sie diese Tasse morgen früh dem
Kind zum Geschenk, das wegen seiner
Tölpeligkeit Ihnen und den Eltern schon
lange aufgefallen ist. Ich garantiere
Ihnen, dass Kind wird diese kostbare
Tasse nicht hinwerfen, sondern es wird
Ihnen dankbar sein, dass Sie der erste
Mensch sind, der es nicht als Tollpatsch
behandelt.
Ich
komme für den heutigen Vormittag zu
meinem letzten Punkt. Ich habe es wiederholt
gesagt: Ich kann ein Kind nicht verstehen.
Da ich meine Kindergartenkonzeption
gleichzeitig als „kindzentriert“ definiere,
scheint darin ein Widerspruch zu liegen.
Diesen versuche ich dadurch aufzulösen,
dass ich von der Erziehung als der „Annäherung an ein Kind“ spreche. „Schon wieder so eine Wortklauberei“,
mögen Sie denken, aber der Unterschied
zwischen „Verstehen“ und „Annäherung“
ist mir ebenso wichtig wie der vorige
zwischen „Kindern“ und „Kind“. Der Konzeption
vom „Verstehen“ liegt ein zweistufiges
pädagogisches Vorgehen zu Grunde, das
dem Bereich der Therapie entstammt:
Als erstes versteht der Arzt mit Hilfe
seiner Untersuchungsmethoden Ihre Krankheit
und dann kann er gezielt therapeutische
Maßnahmen ergreifen. Nun, in der Erziehung
funktioniert dieses Zweiphasenmodell
nicht, weil hier „verstehen“ und „eingreifen“
in eins zusammenfallen. Das gilt in
pragmatischer Hinsicht: Sie kommen morgens
früh in den Kindergarten, sehen ein
Kind, sagen etwas oder schweigen. Wenn
Sie mit Ihrem erzieherischen Handeln
so lange warten wollten, bis Sie glaubten,
ein Kind „verstanden“ zu haben, müssten
Sie so lange warten, bis das Kind aus
dem Kindergarten herausgewachsen ist.
Indem ich von der Erziehung als Annäherung
an das Kind spreche, kann ich des öfteren
das mir Wichtige „das-weiß-ich-nicht“
sagen, ich bin frei von jeglichem Wahn,
bei dem Kind etwas „aufarbeiten“ zu
müssen, sondern ich kann Erziehung als
das sehen, was sie m.E. ihrem Wesen
nach ist: dem Kind Hilfe zu geben, neues
Gelände betreten zu können. Erziehung
ist nicht rückwärts-, sondern vorwärtsgewandt:
das Kind soll unterstützt werden, sichere
Schritte in eine Zukunft zu tun, in
der es alleine bestimmen wird und alleine
bestimmen muss, wer es mit seinem Leben
in dieser Welt sein kann und will. Ich
spreche von Erziehung als „Annäherung
an das Kind, um die Momente zum Ausdruck
zu bringen, die ich vorhin als wichtige
Grundlagen einer pädagogischen Haltung
beschrieben habe: die Demut, das Respektieren
und die Offenheit für Wandlungen.
Was
die Wandlungen angeht, so muss ich Ihnen
und mir für die zweite Halbzeit meines
vormittäglichen Vortrags auch eine solche
zumuten. Ich habe die versprochen unsinnige
Geschichte, die ich Ihnen jetzt vortragen
möchte, unter die Überschrift „Vorsicht:
Satire“ gestellt.
II.
Vorsicht: Satire
1.
Der Plan
Sie
hören und lesen in der letzten Zeit
häufig von den großen Löchern in den
öffentlichen Haushalten, in den Rentenkassen,
bei den Krankenversicherungen und nicht
zuletzt bei den beiden großen Kirchen.
Mal ist es der arme Finanzminister,
der einer schon nicht mehr staunenden
Zuhörerschaft erklären muss, wie er
das erneut aufgetauchte Haushaltsloch
zu kaschieren gedenke, dann muss wieder
der Sozialminister an die Front, der
mit gedrückter Stimme erklärt, dass
die Rentenbeiträge auf der einen Seite
stiegen, dafür aber die Zahlungen an
die Rentner zurückgingen. Der Solidaritätspakt
zwischen der älteren und der jüngeren
Generation gerate durcheinander und
alle hätten ihr Scherflein dazu beizutragen,
dass zumindest der Konkurs abgewendet
würde. Diese ganze Finanzdebatte ist
ausgesprochen störend für den bevorstehenden
Wahlkampf, denn bis jetzt wurden Wahlen
immer durch Geschenke und Versprechungen
gewonnen und nicht durch Parolen, daß
alle den Gürtel enger schnallen müssten.
In
dieser Situation hat Bundeskanzler Helmut
Kohl das chronische Finanzdefizit zur
Chefsache erklärt, ihm wird ja immer
schon ein besonderer Instinkt für die
richtigen Wahlthemen zur richtigen Zeit
vorausgesagt. Am Wolfgangsee sitzt er,
und angesichts der friedlichen Dörfer
um ihn herum kommt ihm die Idee, wie
mit einem Schlage sämtliche Probleme,
vor allem das seiner gefährdeten Wiederwahl,
lösen kann. Die Idee ist ganz einfach,
aber einfache Ideen haben ja oft ihren
besonderen Reiz. Ein Befreiungsschlag
ist es, mit dem er es allen zeigen wird.
Die Bild-Zeitung wird seinen Plan am
Tag nach der Pressekonferenz wie folgt
in die Titelzeile bringen: „Kohl: (Doppelpunkt)
‘Schafft die Kindergärten ab!’“
Vielleicht
lachen Sie jetzt, vielleicht denken
Sie auch: „So ein Quatsch!“ Aber das
zeigt nur, dass Sie in Ihrem Besitzstandsdenken
gefangen sind und die Vielschichtigkeit,
die hinter dem Plan steht, nicht erkennen
können. Ich will versuchen, sie Ihnen
zu erklären. Zunächst einmal: wenn der
Plan Wirklichkeit würde, müssten viele
Frauen, die jetzt noch berufstätig sind,
aus dem Arbeitsleben ausscheiden. Dies
würde Arbeitsplätze massenweise freimachen,
und das uns jetzt so bedrückende Problem
der hohen Arbeitslosenzahlen wäre gelöst,
könnten Männer und Familienväter doch
wieder in die ihnen angestammten Berufe
zurückkehren. Und seien Sie als Frauen
doch mal ehrlich: auch für Sie ist die
Erfüllung häuslicher Aufgaben eine angenehmere
Befriedigung als sich dem Stress des
Berufslebens auszusetzen. Des weiteren
würden Milliardensummen frei, die für
die Stopfung von Haushaltslöchern genutzt
werden könnten. Hinzu kämen die Gelder,
die durch den Verkauf der Kindergartengrundstücke
hereinkämen - und in Privatisierungsaktionen
ist diese Regierung ja geübt. Die vorhandenen
Kindergartengebäude würden in Einfamilienhäuser
umgebaut - eine nicht unerhebliche Entlastung
auf dem Wohnungsmarkt und ein Beschäftigungsprogramm,
das der daniederliegenden Bauindustrie
Aufschwung geben würde. Das pädagogische
Argument, dass kleine Kinder im familiären
Kreis ohnehin besser, weil individueller,
erzogen werden könnten, spielt in der
politischen Debatte übrigens keine Rolle
- Kinder sind keine Wähler -, aber in
mitternächtlichen Talkshows wird es
heftig diskutiert. Die Taktik Helmut
Kohls ist genial: lieber an einer Stelle
einen richtigen Einschnitt machen und
allenfalls die zahlenmäßig nicht ins
Gewicht fallende Gruppe der Erzieherinnen
als Nicht-CDU-Wähler in Kauf nehmen,
als es sich mit allen Bürgerinnen und
Bürgern zu verderben. Gemeinnutz geht
vor Eigennutz, das müssen auch die Berufsvertreter
der Erzieherinnen und die Fachberaterinnen
verstehen.
2.
Die Konkurrenten
Das
muss man sagen: der Befreiungsschlag
ist Helmut Kohl gelungen. Die Zeitungen
schreiben über nichts anderes mehr,
das Fernsehen berichtet in ARD-aktuell
und ZDF-spezial in ausführlichen Sondersendungen.
Nur die Kommentatoren sind sich noch
nicht sicher, wie sie argumentieren
sollen. Der Generalsekretär der FDP,
Herr Guido Westwelle, stimmt, nachdem
er für eine Neidsekunde erblasste, begeistert
zu: Schon immer seien die Liberalen
für den schlanken Staat eingetreten,
und der Kindergarten sei ein Ballast,
der von der öffentlichen Hand nicht
mehr mitgeschleppt werden könne, sondern
in den Bereich der privaten Initiative
gehöre. Der Kanzlerkandidat der SPD,
sonst ja nicht gerade auf den Mund gefallen,
ist für wenige Tage sprachlos. Als er
sich wieder besinnt hat, greift er mit
markigen Worten in die Debatte ein.
Er pfeift die rote Heidemarie Wiezoreck-Zeul,
die etwas von Frauenemanzipation geschwafelt
hat, energisch zurück und verkündet,
dass er eigentlich schon immer ...,
und daß sich der Abbau der Kindergärten
nahtlos in das beschlossene Modernisierungsprogramm
der Partei einpasse. Dem SPD-Vorsitzenden
Oskar Lafontaine bleibt nichts anderes
übrig, als gute Miene zu bösem Spiel
zu machen. Eilfertig und geschmeidig
erklärt er, dass der SPD-Vorstand einstimmig
- bei nur einer Enthaltung - den Anregungen
des Spitzenkandidaten gefolgt sei. Es
entbrennt geradezu ein Wettlauf zwischen
den beiden großen Parteien, wer in der
Gunst der Wählerinnen und Wähler die
eigentliche Urheberschaft des Planes
für sich in Anspruch nehmen könne.
Von
den beiden kleinen Parteien lohnt sich
hier kaum zu reden: Bei den Grünen setzt
sich, nachdem die Fundis mit markigen
Worten Helmut Kohl als Frauen- und Kinderschänder
anprangen wollten, Joschka Fischer mit
seiner pragmatischen Linie durch, vor
allem als deutlich wird, dass durch
die Reduzierung der Frauenarbeit auch
einige Plätze mehr für Ausländer in
unserem Land frei würden. Nur die PDS
bleibt bei ihrem Uralt-Stasi-Sozialismus,
der schon die Babys zwangsweise in die
Krippen trieb.
Die
Kirchen sind zunächst ein wenig gespalten:
Einerseits sehen sie den Vorteil einer
enormen Kostenersparnis auch auf ihrer
Seite, und die katholischen Vertreter
betonen, daß es schon immer auf ihrer
Linie gelegen hätte, die Familie zu
stärken. Aber mit den Erzieherinnen
in den Kindergärten müssen sie auch
an eine große Gruppe von Arbeitnehmerinnen
denken. Deshalb streichen sie im Konzert
der öffentlichen Meinungen besonders
heraus, dass der geplante Abbau der
Kindergärten sozial abgefedert zu erfolgen
habe. IG-Bergbau und IG-Metall erklären
sich gerne bereit, den Kirchen ihre
Erfahrungen mit Sozialplänen bereitzustellen.
3.
Die Durchführung
Damit
die Wählerinnen und Wähler spüren, dass
der frische Wind tatsächlich unser Land
belebt und das ganze Deutschland in
eine blühende Landschaft verwandelt,
wird das Gesetzesvorhaben noch vor der
Wahl auf den parlamentarischen Weg gebracht,
und - weil Widerstand von keiner Seite
zu erwarten ist - in Windeseile in drei
Lesungen vom Bundestag beschlossen.
Der Bundesrat stimmt freudig zu, sind
es doch gerade die Länder, die sich
von einer ungeheuren finanziellen Last
befreien können. Mit „Zukunftssicherungsgesetz“
bekommt das Vorhaben einen ihm gemäßen
Titel. Die Unterüberschrift lautet demgegenüber
etwas umständlich verklausuliert: „Gesetz
zur Konsolidierung und Stabilisierung
öffentlicher Haushalte durch Ergänzung
des Solidaritätsvertrages der Generationen
im Sinne einer wechselseitigen Absicherung
der Pflichten und durch geschlechtsspezifische
Verlagerung der Balance auf dem Arbeitsmarkt
nebst zweitem Gesetz zur Veränderung
des Gesetzes über die Kinder- und Jugendhilfe“.
Im Kern bedeute dies die ersatzlose
Streichung des § 22 des Kinder- und
Jugendhilfegesetzes, so dass die Länder
und Kommunen zur Förderung von Tageseinrichtungen
für Kinder nicht mehr aufgefordert sind.
Weil man gerade in Streichlaune ist,
streicht man auch den Rentnern die Erhöhung
ihrer Bezüge - auf einem Bein steht
sich schlecht und die Balance der Generationenansprüche
ist ja das Ziel des Planes von Regierung
und Opposition gleichermaßen.
Das
Gesetz ist beschlossen, und die einzelnen
Bundesländer gehen munter an die Abschaffung
ihrer Kindergartengesetze, -richtlinien
und -erlasse. Noch bevor das Ganze in
die Verwaltungspraxis umgesetzt werden
kann, finden die Bundestagswahlen statt,
und es zeigt sich mal wieder, dass der
alte Stratege Helmut Kohl auf das richtige
Pferd gesetzt hat. Von den Bürgerinnen
und Bürgern erhält er einen überwältigenden
Vertrauensbeweis. Der SPD-Kanzlerkandidat
scheitert, aber das ist nicht weiter
schlimm, ein neuer Kandidat wird sich
in vier Jahren schon finden lassen,
und die Überlegung taucht auf, ob es
das nächste Mal nicht klüger sei, den
Kanzlerkandidaten erst nach der Wahl
zu nominieren.
Das
Zukunftssicherungsgesetz sieht einen
Vertrauensschutz für die Kinder vor,
die sich zum 1. 7. 1997 bereits in einem
Kindergarten befanden. Sie können bis
zu ihrer Einschulung in der Einrichtung
verbleiben, neue Kinder werden allerdings
nicht aufgenommen. Dies ermöglicht es
den Trägern, nicht alle Erzieherinnen
auf einen Schlag entlassen zu müssen,
sondern auf drei Jahre hin dieses Problem
verteilen zu können. Sie erinnern sich,
dass die Kirchen ja gefordert hatten,
die Maßnahme müsse sozial abgefedert
erfolgen. Frau Birgit Breuel bekommt
neben ihrem Job als Managerin der Expo
2000 eine zusätzliche Aufgabe: Sie wird
Vorsitzende der „Treuhand zur Veräußerung
überflüssiger Kindergartengrundstücke
und -gebäude“. Auch für sie endlich
eine Tätigkeit, aus der sie mit finanziellem
Gewinn herauskommen wird.
4.
Die Gewinner
Um
beurteilen zu können, ob neben der erfolgreichen
Wiederwahl des Bundeskanzlers der Plan
zur Abschaffung der Kindergärten tatsächlich
das erbringt, was man dermaleinst sich
davon versprach, müssen wir jetzt unseren
Blick zehn Jahre voraus in die Zukunft
werfen. In der Tat, anfängliche Erfolge
lassen sich nicht bestreiten: Die Haushalte
der Länder und Kommunen sind auf einen
Schlag saniert, und weil der Bund über
eine Reduzierung der Mehrwertsteuerzuweisung
an die Länder selbst mehr Geld einnimmt,
freut sich auch der Bundesfinanzminister.
Die Kirchen stehen finanziell ebenfalls
besser da, ja man kann sogar die Reduzierung
der Kirchensteuer um einen Prozentpunkt
erwägen. Das spezielle Problem der Entlassungswelle
für die Erzieherinnen erweist sich,
sieht man von wenigen Härtefällen ab,
als nicht so schwierig. Die älteren,
über 50-jährigen Kolleginnen werden
durch einen Sozialplan abgefedert in
den vorzeitigen Ruhestand entlassen.
Die jüngeren Erzieherinnen planen selbst
verstärkt die Gründung einer eigenen
Familie, ein Anstieg in den Babyzahlen
läßt sich kurzfristig dadurch sogar
statistisch nachweisen. Die Gruppe der
mittelalterlichen Erzieherinnen - zu
alt für die eigene Familienplanung,
zu jung für den vorzeitigen Ruhestand
- löst ihr Arbeitslosenproblem auf eigene
Faust: massenweise sehen wir sie in
den Tageszeitungen inserieren, dass
sie eine Möglichkeit als Tagesmutter
anböten, ein Angebot, das von vielen
berufstätigen Müttern gerne aufgegriffen
wird.
Es
gibt noch andere Gewinner bei der Durchführung
des Plans zur Abschaffung der Kindergärten.
Die Spielzeugfirmen und Kinderkassettenhersteller
steigern ihre Produktion, die Spielzeuggeschäfte
und Warenhäuser erhöhen ihren Umsatz.
Auch wenn einige Firmen, die sich früher
auf die Belieferung von Kindergärten
spezialisiert hatten, jetzt Konkurs
anmelden müssen, die Umsatzsteigerungen
allein der Firmen Lego, Playmobile und
Toys’r’us im zweistelligen Bereich machen
dieses Manko mehr als wett. Da der tägliche
Fernsehkonsum der noch nicht schulpflichtigen
Kinder sich beträchtlich erhöht, steigen
die Preise für die Werbespots in Höhen,
wie wir sie früher nur für Fußballübertragungen
kannten - ein erhebliches Plus für die
Betreiber von RTL, SAT 1 und PRO 7 ist
die Folge. Insgesamt kann man sagen,
dass der erhöhte Kinderkonsum ein Faktor
ist, der für die Privatwirtschaft zu
einem willkommenen Motor wird.
5.
Die Probleme
Nur
in einem Punkt funktioniert der Plan
zur Abschaffung der Kindergärten nicht
in gewünschter Weise: die Frauen, die
trotz kleiner Kinder berufstätig sind,
lassen sich nicht aus ihren Arbeitsstellen
verdrängen, und die Reduzierung der
Arbeitslosenzahlen findet deshalb faktisch
nicht statt. Weil diese Frauen nicht
freiwillig ihre Arbeitsplätze räumen
wollen, arbeiten einige Hardliner im
konservativen Lager an Plänen, auf gesetzlichem
Wege die Vereinbarkeit von Mutterschaft
und Beruf zu verbieten. Doch dies sind
selbst in der CDU nur Ausnahmeerscheinungen,
die eine nicht zu beachtende Randposition
einnehmen. So einfach, dass weiß der
inzwischen älter gewordene Vordenker
der CDU - Wolfgang Schäuble - lässt
sich das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen.
Doch
die Berufstätigkeit vieler Mütter mit
kleinen Kindern hat nicht nur negative
Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt, sondern
auch für die betroffenen Kinder. Immer
massiver werden die diesbezüglichen
Probleme, und zur Illustration des Gemeinten
lese ich Ihnen heute fünf Zeitungsartikel
vom 26. November 2007 vor.
1.
Das Hamburger Abendblatt berichtet unter
der Überschrift „Stoppt den Wahnsinn
- Warum Franziska sterben musste“, dass
innerhalb einer Woche bereits das fünfte
Kind von einem Auto überfahren wurde.
Außer dem Photo von der Unfallstelle,
das kein Detail auslässt, wird die weinende
Mutter Franziskas abgebildet, und unter
diesem Photo stehen die Worte: „Erst
jetzt?!“. Der Artikel macht die Schuldige
rasch aus. Die Fahrerin des Unglückswagens,
Frau B., kann es nicht sein, denn sie
ist umsichtig in der vorgeschriebenen
Geschwindigkeit von 50 km/h gefahren.
Aber ist Franziskas Mutter ebenso verantwortlich
mit ihrem Kind umgegangen? Von ihr lesen
wir, dass sie schon seit dem zweiten
Lebensjahr Franziskas diese für acht
Stunden am Tag alleine ließ, während
sie in einer Computersoftwarefabrik
ihrer Arbeit nachging. Franziska streunte
so tagsüber alleine in der Gegend herum,
und auf ihrem letzten Gang wurde sie
von dem Auto erfasst. Da dies - wie
gesagt - schon der fünfte Vorfall vergleichbarer
Art in einer Woche ist, nimmt sich der
Chefredakteur des Hamburger Abendblattes
in einem Kommentar persönlich der Sache
an. Mit markigen Worten fordert er von
den Politikern: „Wann, meine Herren,
machen Sie die Straßen endlich kindersicher
vor diesen herumstreunenden Blagen?“
2.
Am gleichen Tag schreibt die Süddeutsche
Zeitung in seriöserer Weise, aber auch
sie weiß von einem Skandal zu berichten:
Acht Kinder seien in der 40 qm großen
Wohnung einer Tagesmutter in erbärmlichem
Zustand angetroffen worden. Die ältere
Frau, offensichtlich Alkoholikerin,
habe die Kinder für einen Einzelpreis
von 350 ECU monatlich bei sich aufgenommen,
alles Kinder wohlhabender Eltern, denn
wer sonst könne sich dieses Geld leisten.
In dem Bericht der Süddeutschen Zeitung
kommt auch der Jugendamtsleiter der
Stadt München zu Wort: „Wir wissen,
dass viele Kinder während des Tages
unter menschenunwürdigen Bedingungen
untergebracht sind. Aber was sollen
wir machen? Einerseits fehlt uns für
regelmäßige Kontrollen von Tagesmüttern
das notwendige Personal und andererseits:
Was wird denn mit den Kindern, wenn
wir so einen Laden dichtmachen? Wenn
wir nur so etwas wie die früheren Kindergärten
hätten!“
3.
Noch ein Blick in die Bild-Zeitung möchte
ich Ihnen geben. Unter der Überschrift
„Kinderbanden“ wird berichtet: „Schon
wieder hinterlässt eine Horde von Kindern
eine Spur der Verwüstung in der Hannoveraner
Innenstadt. Unter der Anleitung des
sechsjährigen Fritz schwärmen die kleinen
Pöbel mit einem Schraubenzieher bewaffnet
aus. ‘Automalen’, so nennen sie selbst
ihre Schandtaten. Vor allem teure Nobelkarossen
sind das Ziel ihres Zerstörungsdranges.
Nur der Besonnenheit der Polizisten
des 7. Reviers ist es zu verdanken,
dass diesen Halunken das Handwerk gelegt
werden konnte. Aber wer schützt uns
vor dem nächsten Fritz, der bereits
jetzt in den Wohnsilos der Vorstädte
aus Langeweile seine Pläne ausheckt?“
Zum Schluss des Artikels kommt der berühmte
Kinderpsychiater Prof. Dr. Mäusling
zu Wort, und er wird mit dem Ausspruch
zitiert: „Das Böse ist in jedem Menschen.
Wir müssen es rechtzeitig bekämpfen.“
4.
Die Hamburger Wochenschrift „Die Zeit“
nimmt sich in einem Sonderteil in dieser
Woche eines speziellen Problems an:
der Ernährungssituation der Kinder.
Kein Kind habe in unserem Lande Hunger
zu leiden, vielmehr hätte die Nahrungsmittelindustrie
sich gerade seit der Abschaffung der
Kindergärten gezielt um neue Produkte
bemüht, die sie über Werbespots den
Kleinen schmackhaft mache. Wir hätten
eine differenzierte Palette von speziellen
Kinderernährungsprodukten, über die
der Mensch vor zehn Jahren - an Kinderschokolade
und Fruchtzwergen gewohnt - nur gestaunt
hätte. Trotzdem berichteten Zahnärzte
über ..., und Schulärzte, dass ... Ich
überlasse die Ausmahlung der diversen
Probleme Ihrer eigenen Phantasie.
5.
Als letztes möchte ich Ihnen noch von
der Fachzeitschrift „Die moderne Grundschule“
berichten, die ihre Lehrer-Leser aufforderte,
über die Erfahrungen mit dem neuen Einschulungsjahrgang
2007 zu berichten. Die Reaktion der
angesprochenen Lehrer hat selbst die
Redaktion der „Modernen Grundschule“
überrascht. Bergeweise wird sie mit
Berichten überhäuft, so dass die Redaktion
schließlich ein Sonderheft herausgibt,
in dem ausschließlich die Leserbriefe
abgedruckt werden. Die Tendenz dieser
Beiträge ist eindeutig: Die Schulanfänger
des Jahres 2007 können sich keine fünf
Minuten konzentrieren, mit Stiften und
Schere wissen sie nicht umzugehen, und
ihr Sozialverhalten sei so wenig ausgeprägt,
dass an einen regulären Unterricht nicht
zu denken sei: ständig verletzten sie
die Mitschüler oder sich selbst. Eine
Lehrerin meint, indem sie auf eine langjährige
Berufserfahrung zurückblickt: „Die Kinder
heutzutage sind pfiffiger in allen Dingen,
die ihr tagtägliches Überleben angehen
als die Kinder vor zehn Jahren, aber
in allen Bereichen, die für das Schulelernen
notwendig sind, sind sie durch nichts
zu motivieren.“
6.
Die Vorzeigeprojekte
Meine
lieben Zuhörerrinnen. Durch die Auswahl
der zitierten Zeitungsberichte mag der
Eindruck aufkommen, ich schildere Ihnen
die Situation im Jahre 10 nach Abschaffung
des Kindergartens ausschließlich in
düsteren Farben. Und ich muss Ihnen
ehrlich sagen, das ist auch so: die
Probleme mit den kleinen Kindern nehmen
überhand. Aber ich muss Ihnen auch von
dem Positiven berichten, wobei ich mich
jetzt auf wenige beispielhafte Projekte
beschränke.
1.
Gesponsert von Mercedes und BMW richtet
der Allgemeine Deutsche Automobil Club
sogenannte „Kinderverkehrsgärten“ ein
- und es ist nicht uninteressant zu
erwähnen, dass der Allgemeine Deutsche
Fahrrad Club Junior-Partner dieses Vorhabens
wird. Vorschulkinder werden hier in
ein richtiges Verhalten im Straßenverkehr
eingewöhnt, und offen muss gesagt werden:
die didaktischen Konzepte und die materielle
Ausstattung dieser Kinderverkehrsgärten
würden jeder Erzieherin zehn Jahre zuvor
vor Neid erblasst haben lassen. Für
die Firmen Mercedes und BMW sind diese
Kinderverkehrsgärten eine gelungene
Aktion, die sich in Werbekampagnen gut
vermarkten lässt („Wir haben verstanden“),
nur die Zahl der Unfälle mit Kindern
im Straßenverkehr kann dadurch nicht
reduziert werden. Es laufen einfach
zu viele Kinder frei herum.
2.
Das Diakonische Werk richtet gemeinsam
mit dem Jugendamt der Stadt Emden sogenannte
„Wartehäuser“ ein, in denen die berufstätigen
Mütter gegen ein geringes Entgelt ihre
Kinder parken können. Stellen Sie sich
diese „Wartehäuser“ bitte nicht wie
die früheren Kindergärten vor, sondern
mehr wie Gelegenheiten, Kinder umweltsichernd
unterzubringen, während die Erwachsenen
sich ernsthaft beschäftigen. Wenn Sie
älter sind, können Sie sich vielleicht
noch an die früheren Kinderparks der
Firma IKEA erinnern - so in etwa, nur
mit wesentlich mehr Kindern angefüllt.
Rasch werden die Wartehäuser von den
Eltern bestürmt, und in den Zeitungen
wird über den Erfolg in Emden berichtet,
so dass die Wartehäuser zu einer bundesweiten
„Wartehaus-Bewegung“ werden.
3.
Das Problem der herumstreunenden Kinderbanden
ist besonders schwierig zu lösen. Zunächst
glaubte man, dass man diese verhaltensauffälligen
Kinder gemäß § 32 KJHG in Tagesgruppen
für Kinder behandeln könne, aber dann
scheiterte dieses Vorhaben an der ungeheuer
großen Zahl der Fälle. Ein bedarfsgerechtes
Netz dieser Tagesgruppen würde Ausgaben
erforderlich machen, die höher wären
als die Wiedereinführung der allgemeinen
Kindergärten. Deshalb muss man sich
notgedrungen damit abfinden, diese Kinder
verloren zu geben. Sie werden ihren
Eltern weggenommen und in große Kinderverbesserungszentren
gesteckt, die außerhalb der Städte überall
entstehen.
4.
Der nächste Punkt ist wieder erfreulich
zu erwähnen. Um das Ernährungsproblem
zu lösen, hat die größte Hamburgerkette
eine Aktion gestartet: „Mc Donald’s
for Kids“. Nicht wie bei einem früheren
Drive-In müssen die Kinder in die Läden
kommen, sondern in speziellen Servicewagen
wird das Essen zu den Kindern gebracht.
Und zweierlei ist bei dieser Aktion
„Mc Donald’s for Kids“ besonders erwähnenswert:
Zunächst das soziale Engagement dieser
Firma, die mit speziellen Volksburgern
gerade die Wohnsiedlungen der ärmsten
Kinder anfährt, und dann das ernährungsbewusste
Verhalten der Gesellschaft: in langer
Forschungsarbeit ist es gelungen, einen
Hamburger zu entwickeln, der allen Ansprüchen
der strengsten Apostel der Vollwerternährung
entspricht und in den sich Kinderzähne
trotzdem herzhaft hineinbeißen lassen.
5.
Schließlich ist von einem beispielhaften
Vorhaben des Fernsehsenders RTL zu berichten.
In seiner Aktion „Keine Gewaltdarstellungen
vor Mittag“ verbannt er alle Darstellungen
pornographischer und aggressiver Art
aus dem Vormittagsprogramm, und er sendet
statt dessen lehrreiche Filme, die die
Kleinen auf die Schule vorbereiten sollen.
Die ARD ist froh, dass RTL sogar für
eine immense Summe die Zweitverwertungsrechte
der Sesamstraße übernimmt. Die Aktion
„Keine Gewaltdarstellung vor Mittag“
wird von der Bundesfamilienministerin
mit dem großen Preis „Gemeinsam für
unseren lieben Kleinen“ ausgezeichnet.
7.
Das Ende der Geschichte
Diese
Geschichte muss endlich zu Ende gehen.
Werfen wir also einen noch weiteren
Blick voraus in das Jahr 2028. Helmut
Kohl ist immer noch Bundeskanzler. Dank
seiner guten Gesundheit und der Wählergunst
des Publikums lässt sich sein Wunsch,
noch vor Bismarck der am längsten regierende
Bundeskanzler aller Zeiten zu sein,
realisieren. Doch seine erneute Wiederwahl
ist gefährdet, diesmal nicht wegen der
Finanzpolitik, sondern wegen der großen
gesellschaftlichen Probleme mit den
kleinen Kindern - soweit sie überhaupt
noch geboren werden. Denn trotz der
eben kurz erwähnten vorbildhaften Aktionen
lassen sich die Schwierigkeiten mit
den herumstreunenden Kindern nicht in
den Griff bekommen, und selbst die Professoren
stöhnen inzwischen über die unfähigen
Studenten, die eines Hochschulstudiums
nicht würdig seien.
Helmut
Kohl sitzt am Wolfgangsee, seinen inneren
Blick richtet er zurück auf die ersten
Jahre seiner Kanzlerschaft. Und ganz
in sich selbst versonnen sagt er: „Du,
Hannelore, ich hab’s. Kindergärten werden
wir einrichten müssen.“
III.
Praktisches: Das Bild eines gewöhnlichen
Kindergartens
Ich
möchte jetzt mit Ihnen den Gang durch
einen Kindergarten machen, um etwas
von dem zu verbildlichen, was ich mir
unter gelungener Kindergartenarbeit
vorstelle. Es handelt sich nicht um
einen besonderen Kindergarten, der sich
durch modische Projekte aus der Menge
der umliegenden Einrichtungen heraushöbe,
denn interessiert bin ich an der ganz
normalen Kindergartenarbeit, so wie
sie in der Bundesrepublik Deutschland
und darüber hinaus in vielen europäischen
Staaten zehntausende von Malen jeden
Tag aufs Neue vorkommt. Wenn Sie in
vielem, was ich Ihnen sage, Ihre eigene
Einrichtung wiedererkennen, nehmen Sie
es als Bestätigung, denn es ist nicht
die Absicht meiner Konzeption, die Kindergartenarbeit
von den Füßen auf den Kopf zu stellen.
Wenn Sie einiges finden, was Ihnen nicht
vertraut vorkommt, dann schieben Sie
es entweder der Besonderheit der vorgestellten
Einrichtung in die Schuhe, oder denken
Sie darüber nach, ob diese Elemente
nicht auch eine Anregung für Sie sein
können. Ich spreche im folgenden von
„unserem“ Kindergarten und meine dabei
mich und Sie als meine lieben Zuhörerrinnen.
Tatsächlich existiert die Einrichtung,
die ich Ihnen vorstelle, im faktischen
Sinne nicht, sondern stellt sie stellt
nur das mögliche und mir sinnvoll erscheinende
Bild eines Kindergartens dar.
1.
Raum- und Materialgestaltung
Was
den äußeren Standard unserer dreigruppigen
Einrichtung angeht, so muß man ehrlich
sagen, gibt es gelungenere Architekturen:
das Gebäude ist älteren Baujahrs und
lange, schlauchartige Flure statt einer
geräumigen Eingangshalle bestimmen das
Bild. Daran lässt sich ebenso wenig
etwas ändern wie an der Tatsache, dass
das Außengelände zu klein ausfällt.
Trotzdem haben sich die Erzieherinnen
alle Mühen gegeben, auch den Flurbereich
mit als Spielfläche nutzbar zu machen.
Große Pinnwände sehen wir angebracht,
an die die Kinder selbständig ein Blatt
heften können, um es mit der bereitgestellten
Fingerfarbe zu bemalen. Pferdeleinen
und Seile hängen an einem Ständer, denn
die Länge der Flure lädt zum Rennen
ein. Am Ende des Ganges steht eine Werkbank,
auch diese ist von den Kindern frei
zu nutzen. Zunächst glaubten die Erzieherinnen,
dies sei eine „Kreativzone“, doch dann
zeigte sich bald, dass die meisten Kinder
hier weniger aufbauen als zerstören
(hämmern, sägen, feilen) wollten.
Schon
im Flurbereich fällt die besondere Ästhetik
unseres Kindergartens auf. Obwohl die
Einrichtung nicht gerade über viel Geld
verfügte, haben die Erzieherinnen teure
Bilderrahmen angeschafft, in denen sie
Reproduktionen wertvoller Gemälde zeigen.
Neben Breugel, Miro und Klee werden
auch wechselnde Produkte von Kindern
hier ausgestellt. Vor jeder Gruppentür
hängt ein Gedicht, das die Erzieherinnen
„Monatsgedicht“ nennen, weil sie es
jeden Monat wechseln. Hier wird den
Eltern Nachdenkliches und auch Lustiges
präsentiert.
Die
ästhetische Gestaltung, die allen Kinderkitsch
aus dem Gebäude entfernt hat (keine
bemalten Fensterscheiben, keine baumelnden
Äste) setzt sich in den Gruppenräumen
fort. Nicht das sie besonders aufgeräumt
wären, denn obwohl wir diesen Kindergarten
an einem Nachmittag besuchen, nachdem
die Kinder fort sind, liegt noch vieles
herum, das den meisten Putzfrauen ein
Dorn im Auge wäre. Doch nicht wie Kraut
und Rüben liegen die Dinge durcheinander,
sondern vielmehr ist es so wie in einem
Arbeitszimmer, das man für eine Pause
verlassen hat, um dann die begonnene
Arbeit fortsetzen zu können.
Die
Gestaltung der Gruppenräume zeichnet
sich durch das Prinzip „weniger ist
mehr“ aus Nur wenige Bilder hängen an
den Wänden, ein großes Regal ist längs
in die Mitte des Raumes gestellt und
nimmt alle Spielsachen auf, nur zwei
Tische stehen im Raum: ein großer runder
Frühstückstisch und ein weiterer, an
dem die Kinder wahlweise kneten, malen
oder Memory spielen können. Vielleicht
etwas ungewöhnlich sind die Sitzmöbel:
nicht 27 gleiche Kinderstühlchen befinden
sich im Raum, sondern ein großes Sofa,
ein alter Opasessel, mehrere Schaumstoffkissen
und einige Kindersesselchen. Ausgelegt
sind alle Gruppenräume mit einem weichen,
kurzschlingigen Teppichboden. Auf dessen
Investition haben die Erzieherinnen
viel Wert gelegt, wissen sie doch, dass
der liebste Spielort der kleinen Kinder
der Boden ist. Blicken wir von unten
auf die Decke. Wir sehen hier keine
gleichmäßige Beleuchtung des gesamten
Raumes, sondern eine Reihe unterschiedlicher
Lichtquellen: eine alte Stehlampe beim
Sofa, jeweils eine Lampe über den beiden
Tischen, eine Reihe von Strahlern, die
die Kinder an- und ausknipsen können,
so dass der Raum unterschiedlich hell
ausgeleuchtet ist.
Vergleichen
wir die drei Gruppenräume miteinander,
so zeigt sich Gemeinsames und Unterscheidendes
gleichermaßen. In jedem Raum gibt es
eine ähnliche Grundstruktur, die den
Kindern die Möglichkeit bietet zu malen
und zu kneten, zu bauen und Autos fahren
zu lassen, zu turnen und sich zurückzuziehen.
Für letzteres haben die Erzieherinnen
in jeder Gruppe eine Art Litfasssäule
aufgestellt, in der es ganz dunkel ist
und in die ein bis drei Kinder hineinklettern
können. Trotz der Gemeinsamkeiten weist
jeder Raum seine Besonderheit auf: in
dem ersten steht ein großes Klettergerüst,
der zweite hat ein Babyzimmer mit echten
Babymöbeln, und der dritte Raum verfügt
über eine stattliche Anzahl von Montessorimaterialien.
Darüber werde ich gleich noch berichten.
Obwohl es also für grobmotorische Aktivitäten,
Rollenspiel und Stillarbeit besondere
Angebote gibt, käme keine Erzieherin
auf die Idee, ein Kind zu fragen, was
es heute machen wolle, um es dann auf
den entsprechenden Raum zu verweisen.
Das
mit dem Montessoriraum hat seine besondere
Geschichte. Eine Erzieherin war auf
einer Fortbildung auf den Namen Maria
Montessoris gestoßen. Da sie von der
Pädagogik dieser Frau fasziniert war,
hat sie eine spezielle Weiterbildung
begonnen und Zug um Zug ihren Raum entsprechend
der dort geltenden Prinzipien umgestaltet.
Sie praktiziert diese entsprechende
Methode, aber sie weiß auch, dass sie
nicht allumfassend ist. Deshalb ist
sie froh, dass die Kinder neben diesem
Angebot jederzeit die Möglichkeit haben,
richtig zu spielen, das heißt: umherzulaufen
zu klettern und sich in wechselnden
Rollenspielen auszuprobieren. Eine Idee
hat die Montessori-Erzieherin aber doch
so massiv in den Kindergarten eingebracht,
dass alle Kolleginnen sie für ihre Gruppe
übernommen haben: Wir werden zu keinem
Zeitpunkt in unserem Kindergarten ein
Puzzle finden, das nicht vollständig
ist, kein Würfelspiel, bei dem ein Püppchen
fehlt, kein Verkleidungsstück, an dem
die Knöpfe abgerissen sind, kein Auto,
dem die Räder fehlen usw. Falls ein
Material beschädigt oder unvollkommen
sein sollte, wird es aus dem Verkehr
gezogen, wenn möglich von der Erzieherin
repariert oder für eine Ersatzbeschaffung
gesorgt.
Auf
unsere Montessori-Erzieherin geht noch
eine andere Anregung zurück. Sie hat
von dem Raum der Stille gehört, und
weil es sich in unserer Einrichtung
nicht anders realisieren ließ, haben
alle Erzieherinnen gemeinsam im Keller
einen entsprechenden Raum gestaltet,
der nicht auf Grund äußerer Anweisungen,
sondern wegen seiner spezifischen Gestaltung
das Kind zur Ruhe und meditativen Betrachtung
einlädt. Des öfteren im Verlauf des
Vormittags kommt es vor, dass einzelne
Kinder oder kleine Gruppen eine Erzieherin
bitten, in den „Schweigeraum“ gehen
zu können, der von einigen auch als
„Betraum“ bezeichnet wird. Der Raum
weist einige besondere Bilder auf -
Darstellungen des Isenheimer Altars
von Grünewald -, und die Kinder können
dort klassische Musik hören, sich in
einen Sessel setzen und in dem dunklen,
nur von Kerzenlicht beschienenen Raum
einige Minuten oder auch längere Zeit
verharren.
Das
Gegenteil dieses Schweigeraums ist die
Turnhalle. Einmal in der Woche ist er
für den freien Zugang der Kinder geschlossen,
da dann jeweils eine einzelne Erzieherin
mit wenigen Kindern ihre „Turnstunde“
abhält, aber ansonsten steht er allen
Kindern zur freien Verfügung. Mittelpunkt
der Turnhalle ist ein großer Boxring,
ausstaffiert mit dicken Matten, einigen
bereitliegenden Boxhandschuhen und einem
dicken Sandsack. Des öfteren verabreden
sich Jungen zu einem echten „Kämpfchen“,
und ihre besondere Freude ist es, wenn
eine Erzieherin sich als richtige Boxpartnerin
zur Verfügung stellt. Da dieser Raum
besondere Gefahrenquellen aufweist,
haben es die Erzieherinnen im Wechsel
unternommen, dort regelmäßig Aufsicht
zu führen
2.
Tagesablauf
Weil
der Besuch unseres Kindergartens zu
einem Zeitpunkt, wo die Kinder fort
waren, unser Interesse gefunden hat,
sind wir froh, dass wir die Möglichkeit
haben, am folgenden Vormittag gemeinsam
mit Marion, einer Erzieherin, die in
dieser Einrichtung arbeitet, einen Tag
in diesem Kindergarten verbringen zu
können. Marion gehört nicht zu den Kolleginnen,
die den jeweiligen Morgen mit einem
strahlenden Lächeln begrüßen. Deshalb
verbringt sie die erste, noch kinder-freie
Viertelstunde des Kindergartenvormittages
zumeist schweigend und mit einer Tasse
Kaffee in der Hand, während andere Kolleginnen
in der Runde sich munter über dieses
und jenes unterhalten. Die ersten Kinder
kommen, und die gesamte Mannschaft begibt
sich in den jeweiligen Raum. Marion
hat es sich angewöhnt, die die Kinder
bringenden Eltern kurz abzufertigen.
Dies hat weniger mit ihrem Morgenmuffelcharakter
zu tun als mit der von ihr begründeten
Einsicht, dass der Kindergartenvormittag
für die Kinder da sein soll und dass
gerade jetzt einige von ihnen ihre Anwesenheit
benötigen, um zu ihrem Spiel zu finden.
Auffällig
ist die Unterschiedlichkeit, mit der
Marion die einzelnen Kinder begrüßt:
einige von ihnen scheinen sie nicht
besonders zu beachten und Marion beachtet
diese deshalb auch zu diesem Zeitpunkt
nicht besonders. Frank dagegen begrüßt
sie jeden Morgen aufs Neue mit einem
festen Schlag auf den Rücken, nicht
unschmerzhaft, aber zumindest jetzt
ist Marion richtig wach. Andrea muss
ersteinmal fünf Minuten auf den Arm
der Erzieherin, bevor sie für den Rest
des Tages fast völlig aus dem Bild verschwindet.
Matthias muss von Marion an der geöffneten
Eingangstür abgeholt werden, sie muss
ihm die Schuhe aus- und die Pantoffel
anziehen, und obwohl er all dies auch
alleine könnte, weiß die Erzieherin,
dass dies die fünf Minuten sind, die
Mathias von ihr braucht.
Die
Freispielphase ist in diesem Kindergarten
besonders ausgeprägt: sie dauert vom
ersten Eintreffen der Kinder bis ca.
eine halbe Stunde vor Ende des Kindergartenvormittags.
Die Kinder können in dieser Zeit in
ihrem Gruppenraum spielen, in eine andere
Gruppe gehen, den Flur benutzen oder
das Außengelände aufsuchen. Sie müssen
dazu niemanden um Erlaubnis fragen oder
sich auch nur abmelden, denn es ist
das selbstverständliche Recht jedes
Kindes, sich nach eigener Wahl in jedem
Teil des Kindergartens oder draußen
aufzuhalten und selbstbestimmt den Spielort
zu wechseln. Einzig für den Schweigeraum
im Keller gibt es strengere Regeln,
aber er soll für die Kinder auch den
Charakter des Besonderen behalten. Die
lange Zeitspanne für das Freispiel halten
die Erzieherinnen für wichtig, weil
sie wissen, dass es Zeit braucht, bis
ein Kind zu seinem Spiel findet, und
dass die Dauer eines Spiels von dem
Kind selbst bestimmt werden muss. So
wie die Kinder den Raum wechseln, bewegt
sich auch Marion auf der gesamten Fläche.
Zwar weiß sie sich besonders verantwortlich
für ihren eigenen Gruppenraum, und etwas
mehr als die Hälfte des Vormittags verbringt
sie auch dort, aber sie hält sich auch
flexibel, um je nach Kinderzahl ihre
Jacke anzuziehen, um auch bei Regenwetter
die Aufsicht auf dem Außengelände sicherzustellen.
Wenn
wir zusammenfassen, was wir an dem Kindergartenvormittag
von Marions Tätigkeiten gesehen haben,
so ist von wenig Spektakulärem zu berichten
- jede von Ihnen kennt das. Marion unterhält
sich am Frühstückstisch lange mit einzelnen
Kindern, sie hilft einer kleinen Kindergruppe,
dass diese zu dem gewünschten Material
kommt, sie putzt einem Kind den Hintern
ab und erklärt einem anderen, wie es
sich die Hände mit Seife waschen kann.
Sie schlichtet Streit zwischen verfeindeten
Kindern, tröstet ein weinendes Mädchen
und ermahnt eine wilde Kinderbande zu
etwas mehr Rücksicht. Wenn wir es mit
Beobachtungen anderer Erzieherinnen
vergleichen, so zeigt Marion lediglich
drei Besonderheiten. Zunächst: wir sehen
sie nahezu den gesamten Vormittag nie
selbst mit einem Kind oder einer Kindergruppe
spielen; dann: wir beobachten, dass
sie mindestens 10 % ihrer Zeit scheinbar
nichts zu tun scheint, sondern nur in
einer Ecke steht und den Kindern bei
ihrem Treiben zuschaut; und schließlich
müssen wir feststellen, dass sie ausschließlich
mit Peter auf dem Sofa sitzt, ihm ein
Bilderbuch vorliest und die anderen
Kinder während dieser Zeit freundlich,
aber bestimmt wegweist. Die letzte Beobachtung
finden wir noch merkwürdiger, als wir
von Marion erfahren, dass sie diese
zehn Minuten jeden Tag exklusiv mit
Peter auf dem Sofa verbringt. Als wir
mit Marion in der Mittagspause über
diese drei Besonderheiten sprechen,
weiß sie für jede eine ausführliche
Begründung anzugeben, die wir an dieser
Stelle nicht wiederholen wollen. Nur
so viel soll gesagt sein: Marion versucht
für jedes einzelne Kind ihrer Kindergruppe
zumindest eine Situation am Tag zu finden,
wo es dieses Kind exklusiv im Blick
hat. Dabei verfährt sie nach einem Prinzip,
das sie mit „gezielter Ungerechtigkeit“
ausdrückt. Dies meint, dass Marion nicht
bemüht ist, nach dem Gleichheitsprinzip
zu verfahren, das jedem Kind das gleiche
gibt, sondern dass sie für jedes Kind
eine Situation zu finden bemüht ist,
in der ihre spezifische Beziehungsgestaltung
zu diesem einzelnen Kind Ausdruck findet.
Weil jedes Kind anders ist, bedarf auch
jedes Kind etwas Spezifisches.
Das
Prinzip der „gezielten Ungerechtigkeit“
kommt auch in der abschließenden Stuhlkreisrunde
zum Ausdruck. In 50 % aller Fälle ist
es Nicole, die das Privileg hat, auf
dem Schoß der Erzieherin zu sitzen.
Vorher muss aber noch aufgeräumt werden,
eine Phase, die nicht allzu lange dauert,
da die Überfülle des Materials in Marions
Kindergarten gebannt ist, da der Raum
eine klare Struktur aufweist, so dass
jedes Kind weiß, wo welcher Gegenstand
zu liegen hat, und da es nicht das Ziel
ist, den Raum am Mittag wieder so aussehen
zu lassen, wie er am Vormittag vor dem
Eintreffen der Kinder war. Für den Stuhlkreis
hat sich Marion eine klare Zweiteilung
vorgenommen: an jedem zweiten Vormittag
bestimmen die Kinder, was gespielt oder
gesungen wird, und Marion hat sich zum
festen Grundsatz erhoben, nicht sichtbar
zu murren, wenn zum 640ten Mal „Hilfe,
Hilfe, ich bin in den Brunnen gefallen“
vorgeschlagen wird. Das jeweils andere
Mal bestimmt Marion das Programm, und
ihre Stuhlkreistage zelebriert sie wie
herausgehobene Ereignisse. Ob sie ein
neues Lied einführt, ein Märchen erzählt,
ein Bilderbuch vorliest oder einen Zaubertrick
zum Besten gibt: Marion bereitet sich
auf diese Stuhlkreissituationen besonders
vor, und meistens gelingen sie ihr wie
kleine Showeinlagen. Heute spielt Marion
den Kindern ein Kasperlestück vor: der
Bastel-Spiel-Tisch ist umgekippt. die
Kinder nehmen davor Platz, gebannt auf
die obere Tischkante schauend. Hinter
dem Tisch kniet Marion ein wenig im
Stress, weil sie mit vier Puppen gleichzeitig
hantiert. Irgendwie geraten ihr die
selbsterfundenen Kasperlestücke immer
zu einer Räubergeschichte. Nimmt man
den Beifall der Kinder zum Abschluss,
so ist ihr die Aufführung heute gelungen.
Den Abschluss des Vormittages bildet
das rituelle Lied „Alle Leut“, und weil
heute der Kasper Ton und Takt vorgibt,
finden dies alle lustig.
3.
Jahresablauf
Es
ließe sich jetzt noch von dem Nachmittagsprogramm
unseres Kindergartens reden, und einige
nicht uninteressante sozialpädagogische
Arbeitsschwerpunkte müssten erwähnt
werden. Diese hatten seinerzeit den
Kindergartenträger überzeugt und ihn
bewogen, fast die gesamten personellen
Kindergartenressourcen für den ganzen
Tag zur Verfügung zu stellen. Denn wiewohl
nur wenige Kinder regelmäßig den Kindergarten
nachmittags besuchen, liegt in der Arbeit
mit sozial benachteiligten Gruppen von
Kindern und Eltern ein besonderer Akzent
in Marions Kindergarten. Wie gesagt,
davon will ich an dieser Stelle nicht
berichten, sondern wir wollen vielmehr
einen kurzen Blick auf das Jahresprogramm
in unserem Kindergarten werfen. Aus
der Fülle, die hier anzumerken wäre,
möchte ich nur drei Besonderheiten hervorheben.
Das erste ist die sichtbare Veränderung
der Kindergartenräume im Verlaufe des
Jahres, womit nicht der Wechsel von
Herbstbäumen und Winddrachen über Nikolaus
und Weihnachtsschmuck zu Osterhasen
und Blumenwiese gemeint ist - denn wie
gesagt werden die Fensterscheiben in
unserem Kindergarten so gut wie nie
bemalt und aller Kinderkitsch wird aus
den Räumen verbannt. Wenn nach dem Sommer
die neuen Kinder in den Kindergarten
kommen, sind die Spielflächen weitgehend
leergeräumt. Außer der notwendigen Spielinfrastruktur
von Holzbausteinen, Malutensilien, Knete
usw. sind die meisten anderen Spielsachen
in Kisten verpackt und im Keller verstaut.
Dieses weitgehend reduzierte Spielprogramm
wird Zug um Zug im Verlauf des Jahres
erweitert, wobei die Einführung eines
jeden neuen Gegenstandes im Stuhlkreis
wie ein Fest gefeiert wird. Am Ende
des Kindergartenjahres ist der Raum
dann mit Vielem angefüllt, und es wird
notwendig auszuwählen, was für den Neuanfang
jetzt erst wieder einmal verschwinden
kann. Dies wird deshalb so praktiziert,
weil den Kindern nicht eine perfekt
ausgestattete Umgebung präsentiert werden
soll, die sie nur noch zu bespielen
hätten, sondern die Gestaltung des Raumes
soll mit den Kindern mitwachsen, so
dass sie die Chance haben, ihn als den
ihrigen zu erleben.
Eine
zweite Besonderheit ist die nur geringe
Anzahl an Projekten, die in unserem
Kindergarten durchgeführt werden. Früher
war man ständig auf der Suche nach besonderen
Vorhaben, die sich häufig im vierwöchigen
Rhythmus ablösten, so dass man mit der
Projektvorbereitung, -durchführung und
-auswertung kaum noch hinterher kam,
und sich die Projekte kaum noch von
dem unterschieden, was man früher einmal
den „Monatsgegenstand“ genannt hatte.
Jetzt werden pro Kindergartenjahr nur
noch eins, maximal zwei Projekte durchgeführt,
und man verfährt nach dem Motto „Lieber
klotzen statt kleckern“. In diesem Jahr
lautet das Thema „Dixi fliegt zum Mond“
und aus der Vielzahl der Aktivitäten
möchte ich beispielhaft nur einige wenige
nennen: Eine Erzieherin schreibt eine
Kindergeschichte, die wie ein roter
Faden das gesamte Projektgeschehen begleitet;
der Besuch in einer Sternwarte vermittelt
den Kindern, aber auch den Erzieherinnen
phantastische Eindrücke; Höhepunkt des
Projektes ist ein Theaterstück, das
die Erzieherinnen für die Weihnachtsfeier
vorbereiten. Weder am Aufbau der Requisiten
noch an der Erstellung der Kostüme sparen
die Erzieherinnen irgendwelche Mühen,
und die Vorstellung, in wenigen Wochen
vor einer Zuschauerzahl von mehr als
200 Personen spielen zu müssen, bereitet
den meisten Beteiligten schon jetzt
Lampenfiber.
Die
dritte Besonderheit, die ich erwähnen
möchte, ist die Jahresplanung des Kindergartens.
Immer in der Zeit nach Ostern nimmt
das Erzieherinnenteam sich zwei ganze
Tage Zeit, um Bilanz über das vergangene
Jahr zu ziehen und den Arbeitsschwerpunkt
für das kommende Jahr auszuwählen. Jede
Kollegin hat die Möglichkeit auszuführen,
was ihr bisher gut gefallen hat, womit
sie Schwierigkeiten hatte und welches
Problem für sie gegenwärtig im Vordergrund
steht. Die Vorschläge, die so auf dem
Tisch liegen, werden gemeinsam diskutiert,
und schließlich wird ein bestimmter
Punkt ausgewählt, den man gemeinsam
zum Schwerpunkt der Arbeit im kommenden
Jahr machen will. Festgehalten wird,
wo man die gegenwärtigen Schwierigkeiten
in Bezug auf das gewählte Thema sieht
und wie der Kindergarten sich im Verlaufe
des kommenden Jahres konkret verändern
soll. Die beiden Konzeptionstage sind
mit diesen Punkten häufig bereits ausgefüllt,
und man kommt allenfalls noch zu einer
Stichwortsammlung zu einzelnen Teilproblemen.
Dass man weiter nicht ist, ist aber
auch nicht schlimm, schließlich hat
man ja ein Jahr Zeit, das Vorhaben anzugehen.
Die Arbeitsschwerpunkte der vergangenen
Jahre möchte ich Ihnen gerne noch nennen,
damit Sie sich unter diesen Jahresthemen
etwas vorstellen können:
·
die Situation ausländischer
Kinder und ihrer Familien,
·
die Neugestaltung des
Außengeländes,
·
das Zusammenwachsen der
Mitarbeitergruppe,
·
die Aufnahme behinderter
Kinder,
·
die Probleme geschlagener
und schlagender Kinder.
4.
Miteinander der Erzieherinnen
Der
Bericht über unseren Kindergarten ist
noch lange nicht vollständig, aber Vollständigkeit
ist auch nicht meine Absicht, da ich
Ihnen ja lediglich Anregungen für die
folgenden Gespräche in den Kleingruppen
liefern soll. So müsste ich Ihnen von
der Elternarbeit berichten, davon, dass
in diesem Kindergarten die gewählten
Elternvertretungen nicht nur als lästige
Spielerei oder überflüssiges Übel angesehen
werden, sondern als ernstzunehmende
Mitbestimmungsgremien, deren Meinungsbild
Einfluss auf die Entscheidungen der
Erzieherinnen hat. Ich müsste Ihnen
berichten von der einseitigen Auswahl
in der Schwerpunktsetzung in der Elternarbeit,
die nicht nach dem Gieskannenprinzip
alle Eltern gleichermaßen bedient, sondern
bewusst Akzente auf die aktive Elternhilfe
bei sozial benachteiligten Familien
setzt. All das möchte ich jetzt nicht
weiter ausführen, sondern mich in einem
abschließenden Punkt noch mit dem Problem
des Miteinanders der Erzieherinnen beschäftigen,
und ich verlasse dazu den bisher gewählten
Berichtsstil und gehe zu einer bewusst
provokativen Heraushebung meiner eigenen
Thesen über.
Ich
kenne keinen Faktor, der eine gedeihlichen
Entwicklung der Kindergartenarbeit so
sehr behindert, wie die Zusammenarbeit
bzw. besser Gegeneinanderarbeit von
Erzieherinnen in einer Einrichtung.
Da wird hinter dem Rücken geklatscht
und getratscht, da beobachtet man mit
heimlicher Freude, wie eine Kollegin
aufläuft, da kämpft jede gegen jede,
bzw. häufiger alle gegen eine. Alle
beklagen sich über das schlechte Gruppenklima
oder alle haben das Empfinden, dass
es mit der Mitarbeitergruppe eigentlich
ganz in Ordnung wäre, wenn nicht eine
bestimmte Kollegin so ganz aus dem Rahmen
fallen würde. Nur ich garantiere Ihnen,
wenn diese eine Kollegin freiwillig
oder gezwungenermaßen das Handtuch wirft,
wird sich die neue Außenseiterin bald
finden - nicht unbedingt ist dies die
neue Kollegin, sondern es kann auch
eine aus dem alten Stamm sein, der bisher
doch in Ordnung schien. Die gruppendynamischen
Schwierigkeiten fordern auf allen Seiten
viel Kraft, schaffen Probleme, die manchmal
bis hin zu Magengeschwüren einer Kollegin
reichen können; sie hemmen das Miteinanderarbeiten,
weil jede nur noch die Verantwortung
für die eigene Gruppe wahrnimmt und
die Gesamtverantwortung auf die Leiterin
abschiebt. Die Konflikte verhindern
aber auch ein gemeinsames Auftreten
gegenüber den Eltern und dem Träger.
Leittragende dieser Situation sind alle:
die Kinder, die Eltern, der Träger und
nicht zuletzt jede Kollegin selbst.
Ist die Situation im Mitarbeiterteam
ganz verfahren, mag die Forderung nach
Supervision auftauchen, aber weil das
Kind schon in den Brunnen gefallen ist,
wird auch dies nicht mehr helfen.
Gruppendynamische
Konflikte sind nicht das Privileg der
Mitarbeiterteams in Kindergärten, sie
kommen in anderen Berufsgruppen sicherlich
ebenso und vielleicht auch ebenso häufig
vor. Nur die Folgen scheinen mir für
die Arbeit mit kleinen Kindern besonders
gravierend zu sein. Es ist meine These,
dass nichts für eine erfolgreiche Kindergartenarbeit
so wichtig ist, wie die personale Beziehungsgestaltung
zwischen den Erzieherinnen und den Kinder.
Ich spreche davon, dass die eigene Person
das wichtigste Handwerkszeug jeder Erzieherin
ist. Wird dieses Handwerkszeug beschädigt
- und wie sollte dies vermieden werden,
wenn unterschwellig oder sogar an der
Oberfläche massive Konflikte zwischen
Kolleginnen schwellen -, dann kann die
Erzieherin nicht so erfolgreich arbeiten.
Wenn
Sie mir bisher gefolgt sind - aus eigener
Erfahrung oder auf Grund von Beobachtungen
anderer -, dann ergibt sich die Frage,
wie diesem Problem Abhilfe geschaffen
werden kann. Der erste Hinweis hierzu
ist die wohl vielleicht enttäuschende
Einsicht, dass es Patentrezepte nicht
gibt. Der Appell, alle mögen sich doch
bitte am Riemen reißen, hilft gar nichts,
und der Vorschlag, Supervision anzusetzen,
nur selten. M.E. kann Supervision in
den Fällen erfolgreich sein, in denen
die Konflikte sich allenfalls auf einer
mittleren Ebene bewegen und in denen
alle Beteiligten den ehrlichen Willen
haben, die Situation zu verändern -
und das heißt vor allem die Bereitschaft,
bei sich selbst anzufangen. Eine weitere
Strategie hilft auch nur in wenigen
Fällen: die Versetzung oder Wegbewerbung
einer störenden Kollegin. Ganz abgesehen
davon, dass diese Lösung in Zeiten eines
absehbaren Anstiegs der Arbeitslosenzahlen
bei Erzieherinnen oft zynisch ist, bewirkt
der Austausch einer einzelnen Person
oft wenig. Der gruppendynamische Konflikt
scheint vielmehr in den Gemäuern der
Einrichtung zu sitzen.
Was
ist zu tun? Wie gesagt, ich kann Ihnen
keine Patentrezepte geben, denn wenn
es diese gäbe, wäre das Problem nicht
so groß, wie es mir erscheint. Verweisen
möchte ich abschließend lediglich auf
folgende Punkte:
1.
Bitte ich um die Anerkenntnis,
dass das Zusammenwirken mehrerer Erwachsener
in der Erziehung ein großer Stressfaktor
ist. Ihre Arbeitstätigkeiten bestehen
aus privaten, sehr intimen Verrichtungen,
bei denen man nicht gerne beobachtet
wird, bei denen sich Kolleginnen aber
zwangsweise beobachten. Stellen Sie
sich vor, Sie fordern ein Kind auf dem
Spielplatz auf, ein Spielzeug wegzuräumen.
Das Kind weigert sind. Ihre abermalige
Aufforderung wird von dem Kleinen mit
Weglaufen beantwortet. Sie spüren, wie
die Blicke der Kolleginnen sich auf
Sie richten. Bleiben Sie bei Ihrer Forderung?
Rennen Sie hinter dem Kind her und packen
es? Oder verzichten Sie lieber auf Ihre
Forderung? So wie es Ihnen in diesem
Beispiel ergeht, so erleben es wechselweise
auch Ihre Kolleginnen. Vielleicht hilft
es ja, wenn Sie sich diesen Druck zunächst
einmal einfach zugestehen können.
2.
Lassen Sie Ihre Kollegin so,
wie sie ist. Es gibt Erzieherinnen mit
einer säuselnden Stimme, die nur schwer
zu ertragen ist, und es gibt andere
mit einem barschen Ton, der wohl eher
in einer Kaserne angebracht ist. Die
Entwicklung des eigenen Erziehungsstils
ist eine sehr persönliche Sache, die
tief in der Biographie eines jeden verankert
ist. Sie werden die säuselnde Stimme
oder den barschen Ton Ihrer Kollegin
nicht ändern, und was man nicht ändern
kann, das muss man ertragen - so schwer
es auch fällt. Es ist nicht das Ziel
meiner Kindergartenkonzeption, einen
einheitlichen Erziehungsstil zu proklamieren,
sondern ich betone gerade die Individualität
der Beziehungsgestaltung zwischen einer
Erzieherin und einem Kind. Sie sollen
weder eine säuselnde Stimme noch einen
barschen Ton annehmen, aber vielleicht
können Sie lernen, es einfach so hinzunehmen,
dass Ihre Kollegin so ist.
3.
Schrauben Sie Ihre Erwartungen
an das Miteinander von Kolleginnen herunter.
Es gibt Mitarbeiterteams, in denen sich
alle beruflich und privat bestens verstehen.
Wenn Sie in einer solchen Einrichtung
arbeiten, schätzen Sie sich glücklich,
denn unter 100 Kindergärten gibt es
kaum einen, der diese Bedingung aufweist.
Wenn in Ihrer Einrichtung ein solch
blindes Vertrauen nicht herrscht, wundern
Sie sich nicht, denn Sie gehören zumindest
in dieser Hinsicht zu einer ganz normalen
Einrichtung. M.E. werden in vielen Kindergärten
die gruppendynamischen Schwierigkeiten
noch dadurch verstärkt, dass falsche
und übertriebene Erwartungen an die
Harmonie das Feld beherrschen. Eine
Mitarbeitergruppe ist ein zwangsweise
zusammengestellter Haufen von Menschen.
Persönliche Sympathie und Freundschaft
hier zu finden, mag vorkommen, ist aber
nicht das Ausschlaggebende. Sie werden
dafür bezahlt, acht Stunden am Tag in
einem Gemäuer zusammenzuarbeiten, sie
müssen sich nicht lieben, sondern sich
lediglich respektieren, um in der gemeinsamen
Arbeit ein Stück weiterzukommen. Für
acht Stunden verbindet sie viel miteinander,
und deshalb ist die Forderung nach Respektierung
schon sehr hoch. Doch nach diesen acht
Stunden müssen sie nicht mehr miteinander
zu tun haben als die Mitinsassen des
Busses, der Sie nach Hause fährt.
4.
Seien sie ehrlich miteinander.
Verzichten Sie auf alles Getratsche
hintenherum, auch wenn Ihnen dies kurzfristig
einen Vorteil versprechen sollte. Wenn
Sie ein Problem mit einer Kollegin haben,
prüfen Sie, ob es Ihnen so wichtig ist,
dass Sie es nicht herunterschlucken
können. Falls dies nicht der Fall ist,
sprechen Sie den Konflikt in der Mitarbeiterrunde
offen an. Dies wird Ihnen nicht schaden,
wenn in Ihrem Kollegenkreis die Einsicht
vorhanden ist, dass Konflikt und Streit,
nicht aber Liebe und Verstehen das Normale
ist, wo immer Menschen in beruflichen
Kontakten aufeinandertreffen.
Falls
alles, was ich Ihnen gesagt habe, nichts
hilft, dann habe ich abschließend nur
noch eine Lebensweisheit parat, die
Janusz Korczak einmal so formuliert
hat und die sich auf Vieles beziehen
lässt, wenn Sie möchten auch auf mich
als Ihren heutigen Referenten: „Ärgere
Dich nicht, es muß auch solche geben!“
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